Feine Hilfen 2014: Paraden

Energiespeicher statt Bremse Interview

Wolfgang Marlie erreicht klassische Ziele auf neuen Wegen. Er zerlegt alle Hilfen in ihre Einzelteile und stellt sicher, dass Pferd und Reiter jede einzelne verinnerlicht haben, bevor sie sie kombinieren. Wie und wann lehrt er die hochkomplexen Paraden?

FEINE HILFEN: Kreuz ran, Schenkel ran, Zügel annehmen– so erklären einige Reitlehrer die Parade. Das klingt gar nicht so schwierig. Warum haben dennoch so viele Reiter Probleme mit harmonischen Übergängen?

Wolfgang Marlie: Die Erklärung an sich finde ich völlig in Ordnung. Das Problem liegt für mich in dem Missverständnis, dass die ganze Parade meistens als etwas Bremsendes verstanden wird. Dabei ist sie im klassischen englischen Sinn das Gegenteil davon: nämlich das Umleiten der Vorwärtsenergie des Pferdes in Aufwärtsenergie. Dabei führt die ganze Parade immer zum Halten und die halbe Parade speichert Energie, um das Pferd aufmerksam auf die nächste Hilfe zu machen. Die Parade ist eine versammelnde Lektion, bei der das Pferd sich körperlich und geistig so konzentriert, sich sammelt, dass es in permanenter Startbereitschaft bleibt. Es pulsiert geradezu. Der Erfolg einer Parade drückt sich also nicht im Tempo aus, sondern in der bereitgestellten Energie. Damit Pferd und Reiter diese Leistung erbringen können, müssen sie die zugehörigen Hilfen einzeln verstanden haben. So wie die Fähigkeit des Lesens aus dem Verständnis für einzelne Buchstaben entsteht, wird aus dem Zusammenspiel der einzelnen Hilfen das Verständnis für eine Lektion. Aus dieser Komplexität und aus der Tatsache, dass zwei Lebewesen harmonieren und ihre Fantasien in Einklang bringen wollen, ergibt sich die Herausforderung. Wenn ich überlege, wie oft es zwischen zwei Menschen Missverständnisse gibt, bin ich fasziniert, wenn Mensch und Pferd so in den Dialog kommen, dass beispielsweise harmonische Übergänge das Ergebnis sind.

FEINE HILFEN: In der Parade sollen laut Definition die Hinterbeine weiter unter den Schwerpunkt treten, der Zügel soll die Bewegung abfangen. Daraufhin soll das Pferd die Hanken mehr beugen, statt die treibenden Hilfen in Vorwärtsenergie umzusetzen. Funktioniert das in der Praxis?

Wolfgang Marlie: Nach dieser Definition ist Hankenbeugung ein Zeichen für Versammlung. Dieses äußere Bild allein reicht mir aber nicht mehr. Zur Versammlung gehört für mich ein konzentrierter Dialog des Reiters mit seinem Pferd sowie geistige Flexibilität, mit der beide auf die Bedürfnisse des jeweils anderen reagieren können. Einfacher ausgedrückt meine ich damit die jederzeitige Veränderungsbereitschaft von Mensch und Tier. Dieser mentale Zustand ist die Voraussetzung dafür, dass durch die Hankenbeugung eine Aufwärtsenergie bereitgestellt werden kann.

FEINE HILFEN: Können Sie diesen Dialog näher beschreiben?

Wolfgang Marlie: Früher habe ich meinen Pferden meistens Monologe gehalten und erwartet, dass sie zuhören. Inzwischen denke ich, dass ich Vertrauen schaffen und das Pferd auf mich neugierig machen sollte, um wirklich mit ihm ins Gespräch zu kommen. Im Unterricht erkläre ich immer, dass ich mit einem Pferd tanzen möchte. Und wenn ich mir eine nette Dame ausgucke, mit der ich gern tanzen würde, dann schleife ich sie nicht einfach auf das Parkett, sondern überlege, wie ich mich und mein Anliegen angemessen bewerben könnte – damit sie es überhaupt mal wohlwollend in Erwägung zieht, sich auf mich einzulassen. Beim Pferd beginne ich diese Bewerbung natürlich nicht mit einer Parade, ich fange ganz vorn an, indem ich es erst mal um kleinste Bewegungen bitte – den Kopf zwei Zentimeter zur Seite, einen Schritt nach links, einen nach rechts. Dafür brauche ich ein Grundwissen über seine Psyche, über sein Verhalten als soziales Wesen, Pflanzenfresser und Fluchttier. Aber vor allem brauche ich den Wunsch, etwas für mein Pferd zu tun. Deshalb hängt in meiner Reithalle auch der Spruch "Für mein Reiten, wie von Zauberhand bewegt, ist nicht entscheidend, wie viel Technik ich beherrsche, sondern wie viel gedankliche Freundlichkeit ich für mein Pferd entwickeln kann."

FEINE HILFEN: Trotzdem wird ja oft gelehrt, dass das Pferd zwischen den Hilfen eingespannt werden muss, damit es den Reiter trägt, ohne Schaden zu nehmen. Die Energie muss im System bleiben. Stimmt das?

Wolfgang Marlie: Vom Prinzip her bin ich einverstanden, wobei ich andere Vokabeln dafür wählen würde. Beim Tanzen spricht man auch nicht davon, die Partnerin einzuspannen, sondern davon, sie liebevoll zu führen. Deshalb komme ich ja immer wieder auf den Dialog zwischen Mensch und Tier zurück. Und zu diesem Dialog gehört es für mich, dass die Energie zwischen den Gesprächspartnern fließt. Sie bleibt also nicht nur im System Pferd, sondern überträgt sich im ldealfall vom Reiter auf das Pferd und zurück. Ob sich das Pferd dabei technisch perfekt bewegt, ist für mich zweitrangig. Lieber nehme ich es in Kauf, dass ein Pferd mal taktunrein geht, dafür aber leicht und vertrauensvoll unterwegs ist, als dass es wie ein Uhrwerk läuft, dabei aber angestrengt und missmutig auf mich wirkt. Bei Pferden kann man mit Zwang leider eine Reihe von spektakulären Ergebnissen erzielen Aber inzwischen gehe ich davon aus, dass man ihnen damit körperlich und psychisch mehr schadet als nützt. Angst verspannt, behindert das Lernen und macht krank.

FEINE HILFEN: Ist es logisch für ein Pferd, dass ein treibender Schenkel und ein durchhaltender Zügel Anhalten bedeuten?

Wolfgang Marlie: Für mich ist das nicht logisch. Denn kein Pferd wird mit eingebautem Hilfenverständnis geboren. Alle Hilfen können nur erfolgreich eingesetzt werden, wenn das Pferd vorher durch Ausbildung auf sie konditioniert wurde. Diese Konditionierung – ich nenne sie Grundkommunikation – sollte sehr, sehr sorgfältig erfolgen. Nur weil ein Pferd zweimal auf ein Signal in der gewünschten Weise reagiert hat, heißt das noch lange nicht, dass es dieses Signal verstanden hat. Mein Ziel ist es, die Schenkel- und Zügelhilfen als treibend zu erklären. In der Natur gibt es schließlich auch kein Signal, mit dem ein Pferd ein anderes zum Anhalten veranlassen kann. Sie können nur über ein Nachlassen des "Treibedrucks" Ruhe erlauben. Wenn also Schenkel und Zügel treibende Hilfen sind, dann treibt der Schenkel vorwärts und der Zügel rückwärts. Gleichzeitig vorwärts- und rückwärts zu treiben, erzeugt beispielsweise eine Springflut in der Badewanne, aber nicht das Anhalten des Wassers. Wenn das Pferd durch den treibenden Schenkel und den durchhaltenden Zügel lernt, Aufwärtsenergie zu entwickeln, hat das den Sinn, seine Tragkraft, aber nicht seine Bereitschaft zum Anhalten zu steigern. Entsteht während des Vorwärtstreibens doch ein Anhalten, denke ich, dass das Pferd die treibende Hilfe nicht als solche verstanden hat. Außerdem ist diese Form des Zum-Stehen-Kommens für mich nicht die gewünschte Versammlung, sondern eine Blockade.

FEINE HILFEN: Welchen Nutzen hat die Parade aus Ihrer Sicht?

Wolfgang Marlie: Sie ist immer eine versammelnde, kraftspeichernde Lektion und spielt vor allem in der gehobenen klassischen Reitweise die zentrale Rolle. Das Pferd bewegt sich in permanenter Startbereitschaft mit gebeugten Hanken über einer kleineren Unterstützungsfläche. So wie sich ein Balletttänzer auf den Punkt möglichst geschmeidig und kraftvoll bewegt, wird das Pferd durch Paraden wendiger und dynamischer. Ich verstehe die klassische Reitweise tatsächlich so ähnlich wie Tanz. Sie bietet für jedes Niveau eine fundierte, pferdegerechte Anleitung. Man könnte auch sagen, vom fröhlichen Discofox auf einer Party bis zum leistungsmäßigen Turniertanz oder Ballett ist für jeden etwas dabei. Hauptsache, das Pferd nimmt keinen Schaden und das Motto stimmt: Zwei Seelen, ein Gedanke.

FEINE HILFEN: Welche Rolle spielt die Parade denn in Ihrem Unterricht?

Wolfgang Marlie: Die Parade ist für mich das Anspruchsvollste und Effizienteste, was ich mir mit einem Pferd vorstellen kann. Denn bei jedem Fehler, den ich beim Üben leider zwangsläufig mache, verbrauche oder zerstöre ich etwas von dem, was ich eigentlich erschaffen will. Das Pferd wird mit jedem Fehler entweder ein bisschen stumpfer oder etwas hektischer. Auf jeden Fall überfordere ich es, wenn ich versehentlich nur eine der komplexen Hilfen der Parade unsauber gebe, lch glaube, dass Probleme wie Triebigkeit, Hektik oder Aggression beim Pferd Ausdruck von Überforderung sind. Und in unserer Leistungsgesellschaft neigen wir alle dazu, uns ständig zu überfordern. Deshalb bin ich beim Großteil meiner Schüler sehr zurückhaltend mit dem Einsatz von Paraden. Wer Partytanz möchte, muss sich eigentlich über Paraden keine Gedanken machen Und er darf dabei ein ganz reines Gewissen haben. Sowie es aber dazu kommt, dass Pferd und Reiter über Seitengänge zur Aufwärtsenergie finden, wird die Parade gebraucht. Denn die Entwicklung von Aufwärtsenergie ist dem Pferd ohne eine Begrenzung nach vorn nicht zu erklären. Als Fluchttier wird es sonst auf seitliches Bedrängen instinktiv auch nach vorn ausweichen wollen.

FEINE HILFEN: Aber braucht man für Partytanz nicht auch Paraden? Wie lernen lhre Schüler, Übergänge zu reiten? Wie erklären Sie beispielsweise die halbe Parade vom Trab zum Schritt?

Wolfgang Marlie: Der Übergang vom Trab zum Schritt ist ein Gangartwechsel und hat für mich nicht unbedingt mit halben Paraden zu tun. Mit einer halben Parade kann ich vom Mitteltrab in den versammelten Trab führen und den Energiehaushalt meines Pferdes organisieren. Ich reite also innerhalb der Gangart einen Übergang. Bei der Frage, wie man Pferde zum Gangartwechsel nach unten anregt, also vom Galopp in den Trab, vom Trab in den Schritt, weiter ins Halten, bewegen wir uns in einer Grauzone. Ich kenne keine verbindlichen Hilfen, die dafür in der fortgeschrittenen Reiterei vorgeschrieben sind. Meiner Erfahrung nach haben viele Ausbilder dafür eigene, von ihnen bevorzugte Signale entwickelt und ihre Pferde darauf konditioniert, beispielsweise durch eine Veränderung des Sitzes. Den Gangartwechsel lernen das junge Pferd und der unerfahrene Reiter zunächst über vermehrtes Treiben beziehungsweise über das Weglassen der treibenden Hilfen. In der Regel passiert dieses Vorwärtstreiben mit Stimm- und sanfter Gertenhilfe bei uns erst mal vom Boden aus. Weil die Parade für mich in die gehobene klassische Reiterei gehört, brauchen wir sie in der Grundlagenarbeit noch nicht. Deshalb spreche ich in meinem Unterricht davon, Pferde ausrollen zu lassen. Sie werden, wie in der Natur, allein dadurch langsamer, dass die Treibeimpulse nachlassen und dann ganz aufhören, vergleichbar mit einem Golfspieler: Er treibt einmal und wartet dann, bis der Ball diese Treibeenergie verbraucht hat. Dieses Dosieren von Energie muss ich als Golfer wie als Reiter üben. Ziel ist es, immer genau so viel oder so wenig Energie abzurufen, wie ich gerade brauche – dafür, dass mein Pferd beispielsweise einen Schritt macht, beziehungsweise dafür, dass der Ball die letzten fünf Zentimeter bis ins Loch rollt.

FEINE HILFEN: Ihre Schulpferde werden ohne vorwärtstreibende Schenkelhilfen geritten – Stimm- und Gertenhilfe ersetzen diese. Warum?

Wolfgang Marlie: Ein Anfänger tut sich sehr viel leichter damit, zu schnalzen und dann wieder aufzuhören, als in einem erst mal sehr wackeligen...

Feine Hilfen März 2014