Cavallo: Reitschul-Test 2010

Theorie und Schnalzen

Bei der Reiterpension Marlie erlebte Miriam Kreutzer eine ungewöhnliche Teststunde. Sie ritt weder Bahnfiguren noch Lektionen.

Vor fünf Jahren schnitt die Reiterpension Marlie mit drei Hufeisen in allen Kategorien hervorragend ab. Zeit, diesen Betrieb noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Konnte er sein Niveau halten?


“Reiten, wie von Zauberhand bewegt”, wirbt der Betrieb auf seiner Homepage. Hier wird nach der klassischen Philosophie des Inhabers Wolfgang Marlie gelehrt. Der hatte noch lange vor den ersten Pferdeflüsterern keine Lust mehr auf rüden Unterrichtston und Ausbildung mit Druck. Reitlehrerin Katja Brandau, die mich heute unterrichtet, ist betriebsintern ausgebildet und weder Trainerin noch Pferdewirtin. Sie möchte aber bald in den Bereich Therapeutisches Reiten einsteigen. Schulpferd ist die 15-jährige HannoveranerStute Isar. Beim Anreiten bleiben die Reiterschenkel unbewegt, ich soll es mit Schnalzen versuchen. Isar kennt das und geht brav los. Ich solle warten, bis das Pferd ausrollt – also langsamer wird – und dann erneut schnalzen. Das funktioniert wie Signalreiten. Dabei werden Hilfen nur dann gegeben, wenn man das Tempo ändern möchte. Wird Isar langsamer, schnalzt der Reiter. Reagiert sie beim zweiten Mal immer noch nicht, wird die Gerte angelegt. Nach einem ähnlichen Stufen Prinzip lernen Pferde in freier Wildbahn von einem Ranghöheren. "Wenn eine Leitstute ein anderes Pferd verjagt, legt sie die Ohren an. Reagiert das rangniedrige Pferd immer noch nicht, wird es gebissen", erklärt Brandau.

In dieser Stunde geht es nicht darum, Hufschlagfiguren oder Lektionen zu reiten, sondern darum, sich in das Pferd einzufühlen. Egal was der Reiter tut, er muss es konsequent durchsetzen. Katja Brandau erklärt, wie der Reiter dazu die Gerte nutzt. Das Pferd darf keine Angst vor der Gerte haben, sagt sie und streicht die Stute damit ab. Wir benutzen sie an der Schulter, um das Pferd aufmerksam zu machen. Wollen wir das Pferd flotter machen, tippen wir es hinter der Wade an. Katja Brandau lässt mich die Informationen verarbeiten und selbst ausprobieren.

Wir beschränken uns in dieser Stunde darauf, das Pferd mit Stimme und Gerte von der einen in die andere Gangart zu lotsen. Der Reitstil sei nicht innerhalb einer Stunde vermittelbar, sagt Brandau. Die einzelnen Schwerpunkte bauen im Konzept dieses Betriebs aufeinander auf. Als nächstes stünden bei mir mehrere Stunden Bodenarbeit an. Was der Reiter dort lernt, nimmt er dann in den Sattel mit. Viel Theorie strömte in dieser Stunde auf mich ein, aber alles, was ich gelernt habe, war hochspannend.

Ich bedaure, dass ich keinen regelmäßigen Unterricht bei Katja Brandau nehmen kann und bewerte den Unterricht mit drei Hufeisen. Das entspricht dem Testergebnis vor fünf Jahren. Bei der Fuchstute Isar bin ich etwas zurückhaltender. Sie reagiert tatsächlich einzig und allein auf Stimme. Aber logischerweise auf die der Reitlehrerin besser als auf meine. Da ich Isar ohne Zügel und Schenkel reiten sollte, hatte ich bei den selbstständigen Handwechseln der Stute keine Chance. Das ist aber laut Katja Brandau bei dieser ersten Lektion, in der es ausschließlich um das Ersetzen der treibenden Hilfen durch Stimme und Gerte geht, nicht weiter schlimm.

Während der zahlreichen theoretischen Einlagen erweist sich Isar als ausgesprochen geduldig, wachsam und bereit. Insgesamt verdient sich die hübsche Fuchsstute zwei Hufeisen. Das ist ein Eisen weniger, als ein anderes Schulpferd des Betriebs im letzten Test erhalten hat. Im Sommer sind die Schulpferde im Wechsel über Monate hinweg draußen auf der Weide, wenn die Boxen für Gastpferde gebraucht werden. Ansonsten bewohnt Isar eine fensterlose, etwa 2,50 x 3 Meter kleine Box und tobt sich draußen auf dem Paddock aus. Sowohl Stall als auch Sattelkammer sind picobello. Neben der großen, hellen Reithalle steht ein Außenreitplatz zur Verfügung. Isar trägt keine Hufeisen, ihr Sattel ist gepflegt, der Fellgurt und die Sattelauflage sind aber schon etwas abgewetzt und schmuddelig. Ich gebe dem Betrieb zwei Hufeisen.

Die Einzelstunde hat eine ganze Zeitstunde gedauert und 34 Euro gekostet. Das ist für den außergewöhnlichen Unterricht ein adäquater Preis, wofür ich wie beim letzten Test drei Hufeisen vergebe.

 

 

Zeitschrift Cavallo - Ausgabe 11/2010: Reitschul Test