GeoSaison: Ausgabe März 2003

Meine Art, Hü! zu sagen

In fünf Tagen vom Fussgänger zum Pferdeflüsterer

Reiten lernen muss keine schweißtreibende, verkrampfte Angelegenheit sein. Kommunikation heißt das Zauberwort: Wenn das Pferd versteht, was der Mensch auf seinem Rücken will, ist alles andere zum Wiehern.


Was das Reiten angeht, bin ich längst ein alter Hase. Jahrelang habe ich Lehrgeld gezahlt, leider nicht für mich. Hoch zu Ross saß meine Tochter Johanna. Ich habe sie chauffiert, begleitet, bewundert und beneidet. Ich kenne den Stallgeruch, den Reiteleven auf dem Heimweg verströmen. Ich habe Pferdeleckerli aus Hosentaschen und Waschmaschinen gepolkt. Und musste damit leben, dass Stallausmisten vor Zimmeraufräumen geht.

Reiterpension in Scharbeutz

Heute ist das Kind zwanzig und nimmt mich gern mit, wenn es sich mein Auto borgt, um zum Reiterhof zu fahren. Gelegentlich durfte ich dort schon eine Nase kraulen oder einen Bauch striegeln. Mit glänzenden Augen setzte ich mich fern der Heimat auf einen müden Touristengaul in Tunesien, ritt um einen der Felsen in Monument Valley, Arizona, und durch einen Manuka-Wald in Neuseeland. Somit verfüge ich bereits über weltweite Erfahrungen im Sattel. Ich kann aber nur stillsitzen, dem Vorreiter folgen und machen, was das Pferd will. Das soll sich jetzt ändern.

Fünf Tage dauert der Anfängerkurs in einer Reiterpension zwischen Wald und Wiesen in Scharbeutz-Klingberg, Region Holsteinische Schweiz, ostseenah, ländlich, gemütlich, persönlich bei Familie Marlie. Die Philosophie des Hauses verspricht keine Wunder, höchstens ein bisschen Zauberei: Harmonie mit dem Pferd von Anfang an. Eine Reitkunst, wie sie auf englisch "horsemanship" heißt und auf romantisch Pferdeflüstern. Wichtigste Startregel: Niemandem etwas beweisen wollen. Schon gar nicht sich selbst. Der Verständigungsprozess beginnt am Paddock, dem umzäunten Auslauf. Frau Reger, unsere Reitlehrerin, geht mit uns Pferdegucken. Die Tiere sind total entspannt wir können ihre Körpersprache studieren: den souveränen Gaston, die sensible Kaimah, die stolze Grace ... Von welchem Pferd sie auch spricht - jeder trabt aufs Stichwort herbei, als ob es aufmerksam gehört hätte!

Reitplatz

Später nehmen wir Paul mit zum Reitplatz. Nase kraulen und säuseln. Das zieht auch bei ihm. Kleines Einmaleins für uns Pferdeflüsterer in spe: Pferde sind Herden- und Fluchttiere, von Natur aus friedfertig, gesellig und zutiefst harmoniebedürftig. Paul spitzt die Ohren und wendet sich uns zu. Zeit, die Rangordnung zu klären. Gelassen akzeptiert Paul auch eine Anfängerin. Es genügt, ein Stück von seinem Platz zu beanspruchen. Dann weiß er, wer das Sagen hat und vertraut sich der Führung an. Vorausgesetzt, ich halte ihn nicht krampfhaft am Zügel fest. Distanz halten, nähe erlauben, das Pferd mit Bestimmtheit beeindrucken, wir tun das mit und ohne Hilfsmittel wie Gerte, Bürste, Strick oder einem verknoteten Handtuch. Mitstreiterin Petra macht es uns vor: Mit nichts als ihrem erhobenen Arm dirigiert die zierliche Person den großen Paul.Das Pferd geht zurück, kommt auf sie zu, bleibt stehen, folgt ihr ... . Ein starkes Bild für den ersten Tag. Wir staunen - und tun es ihr gleich, ganz leicht.

Nachmittags sitzen wir im Sattel, üben Anfahren und Anhalten und stellen fest, dass es von oben herab weit schwieriger ist, dem Partner Pferd klar, liebevoll und eindeutig mitzuteilen, wo es langgeht. Leichtes Streichen des Stiefels am Pferdebauch soll genügen, um Ronja in Bewegung zu setzen. Die Berührung mit der Reitgerte, meinem verlängerten Arm, treibt sie an, immer schneller, wenn ich dranbleibe. Die Zügel als Notbremse hat Frau Reger abmontiert: Wir bremsen einfach, sagt sie, indem wir aufhören zu treiben. Sonst nichts. Ich verstehe: Fuß vom Gaspedal nehmen.

Reitstunden

Am Ende dieser Woche werde ich versuchen, mehrere Dinge gleichzeitig zu bedenken und zu koordinieren. Zur Demonstration kreist Frau Reger mit einer Hand auf dem Bauch, klopft mit der anderen auf den Kopf, stellt sich dabei auf ein Bein und pfeift: "so etwa ist das auch beim Reiten!"

Petra und Christine erzählen von früheren Reitstunden. Was wir hier praktizieren, kam darin nicht vor. Da hieß es eher: Hacken runterdrücken, mehr treiben, zerren, notfalls schimpfen, Reiten strengt an; Blut, Schweiß und Tränen gehörten scheinbar dazu. Auf dem Hof von Wolfgang Marlie dagegen wirken alle völlig entspannt. Seine unkonventionelle Schule legt keinen Wert auf starre Vorschriften; sie vermittelt Inhalte, die wir spielerisch ausprobieren: Wie stellt man die Harmonie her, die Reiter und Pferd gleichermaßen beflügelt? Verstehen, Vertrauen und Respekt, den ersten Schritt muss jedenfalls der Mensch tun. So macht Reiten glücklich. Nicht nur uns Anfängerinnen zwischen Dreißig und Ende vierzig. Die jüngste Nutznießerin ist gerade acht. Die älteste, eine 82-jährige Dame, reitet seit Jahrzehnten, gönnt sich Ferien mit Marlies Lektionen und berichtet der abendlichen Runde im Kaminzimmer von den überraschungen des Tages. Unser Kurs läuft neben dem individuell organisierten Programm, das Gäste mit und ohne mitgebrachtes Pferd in der Reiterpension absolvieren.

Pferde reiten lernen

Nur eins geht nicht: Pferde ausleihen wie Mietwagen. Da ist Wolfgang Marlie eigen. Was möchten Sie erreichen, wenn Sie reiten? Ohne diese Frage kommt ihm keiner davon. Wer brillieren will, fällt durch. Mehr Frauen als Männer mögen das Gefühl der Stärke, mehr Männer als Frauen genießen es, sich aufzuspielen. "Man hört es oft in den Ställen", sagt er: "Mach keine Zicken, Du tickst wohl nicht richtig ... Beschimpfungen, die noch keinem Pferd etwas gelehrt haben."

Alle Reiter lernen, mit Schenkeldruck, Gewichtsverlagerung, Zügelhilfen zu arbeiten. Trotzdem macht jeder seins draus. Wir üben erst die Anfänge: Die eigene Art, "Hüh" zu sagen, wie Frau Reger das nennt. Dabei vergisst sie nie, auf mitgebrachte ängste einzugehen: Woran könnte es liegen, dass etwas passiert, wie ließe sich das vermeiden ... Das Pferd hat nichts gegen uns, wenn es nicht tut, was wir möchten: Es hat uns nicht verstanden, braucht noch einen Moment zum überlegen, ist körperlich nicht dazu in der Lage, oder hat Angst. In den meisten Fällen haben wir uns unklar ausgedrückt. Ordentlich putzen können wir schon. Glänzendes Fell und sauber ausgekratzte Hufe gelten bei Frau Reger jedoch nur als Nebeneffekt unserer Bemühungen in der Box. Hauptsächlich pflegen wir Kontakt zum Pferd und lernen, es sicher auf kleinstem Raum von A nach B zu manövrieren. Seither bin ich mit dem Schimmel Merlin befreundet, und schaffe es mühelos, ihn zum Striegeln zu wenden. Schieben ist zwecklos bei seiner Pferdestärke. Aber treiben, schnalzen, Raum erobern und loben erfordert keinen Kraftakt, bloß ein Antippen mit dem Finger.

Reithalle

In der Reithalle, auf Pascha, heißt es dann wieder: Sitz ausbalancieren, ein imaginäres Buch auf dem Helm packen, Atmen nicht vergessen. Gleichzeitig Impulse setzen für Start, Tempo, Kurven, Stopp, wohl dosiert, aber nachdrücklich wie ein Leithengst. Frau Reger hält sich zurück mit "richtig" oder "falsch". Sie liefert Erklärungen und Hilfen: "Fühlen müssen Sie schon selbst!" Momentan merke ich eher, was Pascha spürt: Dass ich, um ihn zu bremsen, wieder am Zügel gezerrt habe statt Druck aufzubauen. Ich lasse ihn einfach laufen und lenke ein bisschen. Pascha rollt über mehrere Runden aus. Christine erlebt mit Baronesse gerade das Gegenteil: Die bleibt in jeder Ecke unaufgefordert stehen. Enttäuschung lässt Frau Reger nicht gelten. Wer sich ein Pferd wünscht, dass immer funktioniert, solle sich lieber einen elektronischen Hund anschaffen, der auf Knopfdruck bellt und pinkelt. "So ein Pferd gibt es nicht. Versuchen Sie nicht, ohne Fehler zu reiten, das verkrampft nur. Fehler macht jeder, sogar Herr Marlie!"

Donnerstagnachmittag reist meine Tochter an. Johanna inspiziert die Ställe und nickt wohlwollend: Schlanke, gepflegte Pferde, gutes Sattelzeug, saubere Boxen, kein Pferdekitsch. Herr Marlie setzt noch eins drauf; er schenkt seinen Gästen eine Demonstration in der Reithalle, im Duett mit Wildfang, einem Pferd, dass vor Jahren bei ihm als hoffnungsloser Fall abgestellt wurde. überhaupt sind die meisten Pferde bei ihm, weil ihre früheren Besitzer oder Ausbilder aus den verschiedensten Gründen nicht mehr mit ihnen zurechtgekommen sind.

Schnupperstunde

Am letzten Tag muß ich unter den Augen meiner Tochter aufs Pferd. Aufstehen im Sattel; Kopf, Schultern, Knie und Füße in einer Linie; Balance halten, treiben, traben ... Wie lange dauert es, bis man das wirklich beherrscht? "Ich reite seit dreißig Jahren und lerne immer noch", sagt Frau Reger. Die Perspektive gefällt mir.

Petra auf Ronja trabt leicht dahin, es sieht Spitze aus. "Hätte ich das am Montag machen müssen, hätte ich vermutlich geheult", gibt sie vergnügt zu. Für Johanna spendiere ich eine Schnupperstunde bei Herrn Marlie. Während sie auf Karim ihre Runden dreht, bekommt sie ähnliches erzählt wie wir in dieser Woche, nur setzt sie es in diffizilere Manöver um. Meine Reitkünste beurteilt sie knapp: "Nicht schlecht. Du schwatzt zuviel. Manchmal behandelst Du Dein Pferd wie ein Auto - vorwärts, rückwärts, einparken ... Aber Du hast so fröhlich ausgesehen!" Vor der Heimfahrt telefoniert sie mit ihrem Freund. Da höre ich sie in den Hörer säuseln: "Wir haben gerade eine Wandlung vollzogen." Mehr kann man als Mutter nun wirklich nicht erwarten.

ILONA RüHMANN

Zeitschrift GeoSaison - Ausgabe 03/2003